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Lawinenzeit Januar 2026 – Eine Analyse tödlicher Unfallmuster
INTRO
Im Januar 2026 kam es in Österreich zu einer ausgeprägten Serie von Lawinenunfällen, bei denen insgesamt 11 Menschen ums Leben kamen. Geringe Schneemächtigkeiten in den Ostalpen sowie lange Kälte- und Schönwetterphasen führten dazu, dass sich die Altschneedecke stark aufbauend umwandelte und großteils bindungslos wurde. Die Schneefälle Mitte Januar lieferten schließlich das passende Schneebrett auf diese persistente Schwachschicht und leiteten die erste ausgeprägt intensive Lawinenperiode dieses Winters ein.
In diesem Beitrag analysieren wir die tödlichen Lawinenunfälle im Hinblick auf typische Unfallmuster. Ziel der Analyse ist es, daraus einfache und praxisnahe Handlungsempfehlungen abzuleiten.
1. Sei nicht alleine Unterwegs
Im Falle eines Lawinenabgangs stellt die rasche Kameradenrettung die höchste Überlebenschance für Verschüttete dar. In den ersten zehn Minuten liegt die Überlebenswahrscheinlichkeit bei rund 90 %. Dieses kurze Zeitfenster gilt es konsequent zu nutzen. Die organisierte Rettung – etwa durch Pisten- oder Bergrettung – benötigt in der Regel deutlich mehr Zeit.
Wer alleine im Gelände unterwegs ist, ist im Ernstfall vollständig auf die Alarmierung durch Dritte und das Eintreffen der organisierten Rettung angewiesen. Doch auch in Gruppen ist eine schnelle Rettung nicht selbstverständlich. Auswertungen aus den USA zeigen, dass rund 38 % aller Lawinenopfer effektiv alleine unterwegs sind, da sich mögliche Partner zum Unfallzeitpunkt nicht in unmittelbarer Nähe befinden und somit keine Hilfe leisten können.
Umso wichtiger ist es, sichere Sammelpunkte zu wählen, die es ermöglichen, im Falle eines Lawinenabgangs sofort Hilfe zu leisten, ohne sich selbst in den Auslaufbereich oder die Sturzbahn der Lawine zu begeben.
Unfallbeispiel: Velilltal, Ischgl (15.1.2026)
Am 16. Januar 2026 wurde durch die Betreiber einer Pension in Ischgl ein Gast als vermisst gemeldet. Im Zuge des eingeleiteten Sucheinsatzes konnte die letzte Liftfahrt der vermissten Person am Vortag nachvollzogen werden. Die Pistenrettung Ischgl führte daraufhin im Bereich Velilltal eine Suche durch und stellte einen Lawinenabgang im Nahbereich der roten Piste Nr. 7 fest. In weiterer Folge wurde der Vermisste in rund einem Meter Tiefe aufgefunden. Obwohl der Skistock des Verschütteten aus den Schneemassen ragte und die Lawine rund 20 m neben der Piste zum Stillstand kam, wurde der Unfall offensichtlich nicht bemerkt.

Abb. 1: Lawinenabgang Velilltal – Pfeil: Einfahrt; Kreis: Lage des Verschütteten (Quelle: LWD Tirol)
2. Komplette Sicherheitsausrüstung
Damit eine Kameradenrettung effektiv ablaufen kann, benötigen alle Mitglieder einer Gruppe die vollständige Notfallausrüstung:
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LVS-Gerät
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Sonde
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Schaufel
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Erste-Hilfe-Set
Ist diese Ausrüstung nicht vollständig vorhanden, kann ein Verschütteter entweder nicht geortet, nicht geborgen oder nicht ausreichend versorgt werden. In diesem Fall bleibt als letzte Option ausschließlich die organisierte Rettung.
Auswertungen zeigen zudem, dass rund 75 % der Jugendlichen ohne vollständige Sicherheitsausrüstung im Gelände unterwegs sind.
Um sicherzustellen, dass im Ernstfall jede Person auch gefunden werden kann, ist es unerlässlich, zu Beginn des Tages sowie nach Pausen – etwa auf Hütten – einen konsequenten LVS-Check durchzuführen. Wird nach einer längeren Pause vergessen, das Gerät wieder einzuschalten, ist die betroffene Person im Lawinenfall nicht ortbar.
Unfallbeispiel: Sportgastein, Salzburg (13.1.2026)
Am 13. Januar 2026 fuhr ein 13-jähriger Junge alleine zwischen den Lawinenverbauungen im Skigebiet Sportgastein ab und löste dabei eine Lawine aus. Skigäste in einer darüber verlaufenden Gondel bemerkten den Unfall und verständigten umgehend die Bergrettung. Nach dem Eintreffen der Einsatzkräfte konnte der Junge zwar rasch geortet werden, die eingeleiteten Reanimationsmaßnahmen blieben jedoch erfolglos.
Der Jugendliche führte keine Sicherheitsausrüstung mit und wurde von den Schneemassen gegen die Lawinenverbauungen gedrückt, wodurch es zusätzlich zu schweren, vermutlich tödlichen Verletzungen kam.

Abb. 2: Lawinenabgang Sportgastein – Bergung des verschütteten Teenagers (Quelle: Bergrettung Gastein)
3. Sicherheitsabstände einhalten
Wie bereits oben angeführt, haben Verschüttete gute Überlebenschancen, sofern sie innerhalb der ersten zehn Minuten geborgen werden. Sind jedoch mehrere Personen gleichzeitig verschüttet, ist es kaum möglich, alle Betroffenen innerhalb dieses kritischen Zeitfensters zu retten. Das spiegelt sich auch in der Statistik wider: Rund 40 % aller Lawinentotensterben im Zuge einer Mehrfachverschüttung.
Sicherheitsabstände verfolgen daher zwei zentrale Ziele: Einerseits soll die Schneedecke entlastet werden, andererseits wird die Anzahl potenziell verschütteter Personen im Lawinenfall reduziert.
Die gängige Praxis sieht dabei folgende Abstände vor:
-
Abfahrt:
Unter 35° Hangneigung ca. 30 m Abstand,
ab 35° Hangneigung einzeln abfahren -
Aufstieg:
Ab 35° Hangneigung ca. 10 m Abstand, insbesondere im Spitzkehrengelände
Unfallbeispiel: Throneck, Salzburg (17.1.2026)
Am 17. Januar 2026 befand sich eine Gruppe des Österreichischen Alpenvereins auf einer Ausbildungstour. Die Gruppe galt als sehr erfahren und wurde von einer Bergführerin geführt. Im Aufstieg zum Throneck löste die Gruppe eine mittelgroße Lawine aus, vermutlich als Fernauslösung. Alle sieben Personen wurden vom Schneebrett erfasst. Ein teilverschüttetes Gruppenmitglied konnte sich selbst befreien, setzte die Rettungskette in Gang und barg anschließend weitere Gruppenmitglieder. Vier Personen überlebten den Lawinenabgang nicht.
Hinweis: Derzeit ist nicht bekannt, ob innerhalb der Gruppe Sicherheitsabstände eingehalten wurden; dies ist Gegenstand der laufenden Ermittlungen. Fest steht jedoch, dass die Anordnung der Personen im Hang nicht ausreichte, um eine Verschüttung der gesamten Gruppe durch die bis zu 100 m breite Lawine zu verhindern.

Abb. 3: Lawinenabgang Throneck – Einsatz der Bergrettung (Quelle: Bergrettung Salzburg)
4. Hangneigung der Lawinenwarnstufe anpassen
Die Wissenschaft zeigt klar: Mit zunehmender Hangneigung steigt die Wahrscheinlichkeit einer Lawinenauslösung deutlich an. Die Geländewahl ist daher eines der wirksamsten Mittel zur Reduktion des Lawinenrisikos. Darauf baut auch die Grafische Reduktionsmethode nach Werner Munter auf.
Für erfahrene Wintersportler, die zusätzlich weitere Maßnahmen zur Risikoreduktion anwenden, hat sich folgende Faustregel etabliert:
- LWS 2: nicht über 40°
- LWS 3: nicht über 35°
- LWS 4: nicht über 30°
Unerfahrene Wintersportler sollten deutlich konservativer unterwegs sein:
- LWS 2: nicht über 35°
- LWS 3: nicht über 30°
- LWS 4: Verzicht auf Steilgelände
Wir haben das Gelände der Lawinenabgänge dieser Unfallserie unter Anwendung der Grafischen Reduktionsmethode genauer analysiert:
Abb. 4: Grafische Reduktionsmethode nach W. Munter, verändert.
Die eingezeichneten Lawinenunfälle im Überblick:
- X1: Lawinenunfall Pusterwald, Steiermark – 3 Tote
- X2: Lawinenunfall Wetterkreuz, Tirol – 1 Toter
- X3: Lawinenunfall Schmugglerscharte, Salzburg – 1 Toter
- X4: Lawinenunfall Throneck, Salzburg – 4 Tote
- X5: Lawinenunfall Sportgastein, Salzburg – 1 Toter
- X6: Lawinenunfall Velilltal, Tirol – 1 Toter
Die Mehrheit der betrachteten Lawinenunfälle weist gemäß Reduktionsmethode ein erhöhtes (orange) oder hohes Risiko (rot) auf. Lediglich der Unfall am Throneck sticht hervor: Unter Berücksichtigung der Lawinenwarnstufe und der Hangneigung am angenommenen Auslösepunkt ergibt sich zunächst ein geringes Risiko (grüner Bereich).
Der Unfallhang lag jedoch nahe einer Regionsgrenze der Lawinenwarnung. In der angrenzenden Nachbarregion herrschte zum Unfallzeitpunkt Lawinenwarnstufe 3. Bei dieser Warnstufe ist für die korrekte Anwendung der Grafischen Reduktionsmethode die steilste Hangpartie maßgeblich. Diese betrug im Bereich des Unfallhanges rund 40°. Wird der gesamte Hang unter diesen Voraussetzungen beurteilt, ergibt sich auch für diese Tour ein deutlich erhöhtes bis hohes Risiko (graues X4).
Wir möchten betonen, dass die Grafische Reduktionsmethode eine stark vereinfachte Methode zur Risikominimierung darstellt und die tatsächlichen Verhältnisse vor Ort – etwa Schneedeckenaufbau, lokale Zusatzbelastungen oder kleinräumige Effekte – nicht abbildet. Rückblickend ist es stets einfacher, Entscheidungen anhand von Modellen zu bewerten. Die hier dargestellten Überlegungen sind daher als rückblickendes Gedankenspiel zu verstehen und nicht als Bewertung realer Entscheidungen unter den damaligen Bedingungen.
5. Was ist Über / Unter mir?
Das Gelände hat einen maßgeblichen Einfluss auf die Auslösewahrscheinlichkeit von Lawinen sowie auf die Konsequenzen im Falle eines Abgangs. Besonders bei angespannten Lawinenlagen kann bereits der Aufenthalt unterhalb von Lawinengelände (> 30°) ein hohes Risiko darstellen, da spontane, fernausgelöste oder von anderen Wintersportlern ausgelöste Lawinen den eigenen Standort erreichen können.
In ungünstigem Gelände können Geländefallen wie Mulden, Gräben, Bachbetten oder Hindernisse zu deutlich größeren Verschüttungstiefen führen als in flach auslaufenden, homogenen Hängen.
Daher empfehlen wir jedem Wintersportler, sich fortlaufend drei zentrale Fragen zu stellen:
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Wo bin ich?
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Befinde ich mich an einem sicheren Standort?
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Was passiert, wenn jetzt eine Lawine abgeht?
Unfallbeispiel: Wetterkreuz, Tirol (11.1.2026)
Am 11. Januar 2026 löste eine 58-jährige Skitourengeherin bei der Abfahrt vom Wetterkreuz eine Lawine aus und wurde in einem engen Graben verschüttet. Durch die Geländesituation kam es zu einer Verschüttungstiefe von rund 1,7 m.
Da die Verunglückte kein LVS-Gerät mitführte, konnte sie erst im Zuge des organisierten Rettungseinsatzes durch die Bergrettung geortet und geborgen werden. Die eingeleiteten Reanimationsmaßnahmen blieben erfolglos.

Abb. 5: Lawinenabgang Wetterkreuz: Einsatz der Bergrettung (Quelle: Bergrettung Mayrhofen)
Fazit
Die analysierten Lawinenunfälle im Januar 2026 zeigen, dass die Ereignisse nicht zufällig sind und nicht durch einzelne isolierte Entscheidungen, sondern durch das Zusammenspiel mehrerer menschlicher Faktoren entstanden: Alleingehen, fehlende oder unvollständige Sicherheitsausrüstung, geringe Abstände und Gelände, welches zu steil oder zu hohe Konsequenzen hat.
Keine der dargestellten Maßnahmen bietet für sich allein vollständige Sicherheit. In ihrer Gesamtheit ermöglichen sie jedoch eine wirksame Reduktion des Risikos. Angepasste Geländewahl, konsequente Sicherheitsabstände, vollständige Notfallausrüstung, partnerschaftliches Unterwegssein und das kontinuierliche Hinterfragen der eigenen Position im Gelände beeinflussen direkt die Wahrscheinlichkeit einer Verschüttung sowie die Überlebenschancen im Ernstfall.
Die Lawinenzeit im Januar 2026 verdeutlicht, dass Lawinenunfälle in der Regel das Ergebnis einer Verkettung von ungünstigen Entscheidungen sind. Wer diese Muster erkennt und in seine Entscheidungen integriert, kann kritische Situationen frühzeitig vermeiden oder deren Konsequenzen deutlich begrenzen.