Bergwetter

Gewitter am Berg – Was hilft wirklich?

Lesezeit: 8 Minuten
Zielgruppe: Wanderer, Bergsteiger, Alpinisten, Klettersteiggeher
Stand: Sommer 2026

Drei erfahrene Bergsteiger verloren im Sommer 2025 an der Mittagspitze bei Flirsch in Tirol durch einen Blitzschlag ihr Leben. Sie hatten den Wetterumschwung erkannt und den Abstieg bereits angetreten – dennoch reichte die Zeit nicht mehr. Der Unfall machte österreichweit Schlagzeilen und führte eindrücklich vor Augen, dass Gewitter zu den folgenschwersten Naturgefahren im alpinen Gelände gehören (Ströhle et al., 2018).

Nach dem Unglück wurden zahlreiche Verhaltensregeln diskutiert. Manche entsprachen dem aktuellen Stand der Wissenschaft, andere beruhten auf überholten Annahmen oder weit verbreiteten Mythen. Gleichzeitig rückte eine entscheidende Erkenntnis in den Hintergrund: Nicht das Verhalten während eines Gewitters entscheidet in erster Linie über die Sicherheit – sondern die Entscheidungen, die bereits Stunden davor getroffen werden. Internationale Empfehlungen zur Blitzprävention betonen deshalb, dass Tourenplanung, Wetterbeurteilung und ein frühzeitiger Rückzug den wirksamsten Schutz darstellen (Davis et al., 2014; Zafren et al., 2005).

Mit den ersten hochsommerlichen Hitzeperioden kehren auch die typischen Wärmegewitter in die Alpen zurück. Sie entstehen, wenn sich bodennahe Luft stark erwärmt, aufsteigt und in einer ausreichend instabilen Atmosphäre zur Bildung hochreichender Quellwolken führt. Die alpine Orographie begünstigt diese Hebungsprozesse zusätzlich und kann die Entwicklung lokaler Gewitterzellen beschleunigen (WMO, 2023; ESSL, 2020). Ein guter Anlass, die aktuellen Erkenntnisse aus Meteorologie, alpiner Sicherheitsforschung und Notfallmedizin zusammenzufassen, verbreitete Mythen einzuordnen und eine zentrale Frage zu beantworten:

Welche Maßnahmen reduzieren das Risiko tatsächlich – und welche Entscheidungen sollten bereits lange vor dem ersten Donner getroffen werden?

GEWITTERENTSTEHUNG

Gewitter gehören zu den am häufigsten unterschätzten Naturgefahren im alpinen Gelände. Nicht, weil sie selten wären, sondern weil ihre Entwicklung häufig unterschätzt wird. An warmen Sommertagen erwärmen Sonneneinstrahlung und Geländeoberfläche die bodennahe Luft. Diese steigt aufgrund ihrer geringeren Dichte auf, kühlt mit zunehmender Höhe ab und kondensiert zu Quellwolken. Ist die Atmosphäre ausreichend labil und steht genügend Feuchtigkeit zur Verfügung, können sich daraus innerhalb weniger zehn Minuten hochreichende Cumulonimbus-Wolken mit Blitzaktivität entwickeln (WMO, 2023; Doswell, 2001). Die Alpen begünstigen diesen Prozess zusätzlich. Das Gelände zwingt Luftmassen zum Aufsteigen, wodurch konvektive Prozesse verstärkt und Wärmegewitter lokal beschleunigt werden können (Houze, 2014; ESSL, 2020). Deshalb treten Gewitter im Gebirge häufig kleinräumig auf und entwickeln sich teilweise schneller, als es großräumige Wettermodelle vorhersagen können (WMO, 2023).

Deshalb zählt ein früher Tourenbeginn zu den einfachsten und gleichzeitig wirksamsten Maßnahmen, um das persönliche Gewitterrisiko zu reduzieren. Ziel ist es, exponierte Bereiche wie Gipfel, Grate oder Klettersteige möglichst vor der tageszeitlich erhöhten Wahrscheinlichkeit konvektiver Gewitter zu erreichen oder bereits wieder verlassen zu haben. Zwar können Gewitter grundsätzlich zu jeder Tageszeit auftreten, in den Sommermonaten nimmt ihre Wahrscheinlichkeit mit fortschreitender Erwärmung jedoch deutlich zu (WMO, 2023; ESSL, 2020).

WETTERBERICHT ALS PLANUNGSGRUNDLAGE

Ein Blick auf den Wetterbericht gehört heute selbstverständlich zur Tourenvorbereitung. Dennoch liefert selbst eine gute Prognose keine Garantie für die tatsächliche Wetterentwicklung am Berg. Insbesondere konvektive Wärmegewitter entstehen häufig kleinräumig und werden durch lokale Faktoren wie Sonneneinstrahlung, Orographie und Feuchtigkeitsverteilung beeinflusst. Zeitpunkt, Intensität und genauer Ort einer Gewitterzelle lassen sich deshalb trotz moderner Wettermodelle nicht immer exakt vorhersagen (WMO, 2023; ESSL, 2020). Wetterprognosen sollten deshalb nicht als Ja-Nein-Entscheidung verstanden werden, sondern als Grundlage für das persönliche Risikomanagement. Neben Niederschlagswahrscheinlichkeit und Gewitterneigung sollten insbesondere die prognostizierte Nullgradgrenze, Temperaturentwicklung, Wind sowie der zeitliche Verlauf möglicher Gewitter berücksichtigt werden. Je höher die Unsicherheit der Prognose oder je exponierter das Gelände, desto größer sollten die eingeplanten Zeitreserven sein (WMO, 2023). Größte Bedeutung hat die kontinuierliche Beobachtung des Wetters während der Tour. Rasch anwachsende Quellwolken (Cumulus congestus), die Entwicklung einer Ambosswolke (Cumulonimbus incus), plötzlich auffrischender Wind, ein spürbarer Temperaturabfall oder erste Niederschläge weisen auf eine fortschreitende Gewitterentwicklung hin. Wer diese Warnsignale früh erkennt, gewinnt häufig den entscheidenden Zeitvorsprung, um exponiertes Gelände noch rechtzeitig verlassen zu können (WMO, 2023).

Ein häufig unterschätzter Risikofaktor ist jedoch nicht das Wetter selbst, sondern das menschliche Entscheidungsverhalten. Je näher ein Gipfel oder das Tourenziel rückt, desto schwerer fällt es vielen Menschen, eine Tour abzubrechen. Warnsignale werden relativiert, Zeitreserven schwinden und die Hoffnung wächst, „dass es sich schon noch ausgeht“. In der Sicherheitsforschung wird dieses Phänomen als Goal Fixation oder Commitment Bias beschrieben. Bereits investierte Zeit, Anstrengung oder emotionale Bindung an das Ziel führen dazu, dass neue Informationen – beispielsweise eine sich verschlechternde Wetterlage – unbewusst geringer gewichtet werden. Untersuchungen zu alpinen Unfällen zeigen, dass menschliche Entscheidungsfehler wesentlich häufiger zu kritischen Situationen beitragen als mangelndes Fachwissen (McCammon, 2004; Atkins, 2000). Aus diesem Grund empfehlen Sicherheitsorganisationen, bereits vor Tourenbeginn einen persönlichen Umkehrpunkt festzulegen – beispielsweise eine feste Uhrzeit oder klar definierte Wetterkriterien. Solche objektiven Entscheidungsregeln reduzieren den Einfluss spontaner Fehlentscheidungen unter Zeitdruck erheblich und gehören zu den wirksamsten Maßnahmen des alpinen Risikomanagements (McCammon, 2004).

Warnzeichen – Jetzt solltest du Schutz suchen

Je früher ein Gewitter erkannt wird, desto größer ist der Handlungsspielraum. Besonders ernst genommen werden sollten folgende Anzeichen:

  1. rasch wachsende Quellwolken oder ausgebildete Ambosswolken
  2. plötzlich auffrischender oder drehender Wind
  3. spürbarer Temperaturabfall
  4. erste Regentropfen oder Graupel
  5. Donner oder weniger als 30 Sekunden zwischen Blitz und Donner
  6. elektrische Warnzeichen wie Summgeräusche, Knistern oder aufgestellte Haare

Die letzten Anzeichen weisen auf ein starkes elektrisches Feld hin und können einem Blitzeinschlag unmittelbar vorausgehen. In diesem Fall sollte exponiertes Gelände sofort verlassen werden, sofern dies ohne zusätzliche Eigengefährdung möglich ist (Davis et al., 2014).

VERHALTEN IM GEWITTER

Trotz sorgfältiger Planung lässt sich ein Gewitter nicht immer vermeiden. Gerade auf langen Hochtouren, Klettersteigen oder Graten kann es vorkommen, dass sich die Wetterlage schneller entwickelt als erwartet. In dieser Situation geht es nicht mehr darum, das Risiko vollständig auszuschließen – sondern es so weit wie möglich zu reduzieren. Die wichtigste Maßnahme besteht darin, exponiertes Gelände möglichst zügig zu verlassen und tiefer gelegene Bereiche aufzusuchen.

Besonders kritisch sind Geländeformen, die entweder bevorzugte Einschlagspunkte darstellen oder die Auswirkungen eines Blitzschlags verstärken können. Dazu gehören insbesondere:

  • Gipfel und Grate
  • Klettersteige und Drahtseile
  • einzelne Bäume
  • Liftstützen, Antennen und Masten
  • Geländekanten und freistehende Felsköpfe
  • Wasserläufe sowie sehr nasser Untergrund
  • offene Schneefelder oder Gletscherflächen ohne Schutzmöglichkeiten

Der Grund ist physikalisch: Blitze schlagen bevorzugt in hohe oder exponierte Strukturen ein. Selbst wenn der Einschlag einige Meter entfernt erfolgt, kann sich der elektrische Strom über den Boden oder leitfähige Strukturen ausbreiten. Verletzungen entstehen deshalb nicht ausschließlich durch einen direkten Treffer, sondern häufig auch durch Bodenströme (Ground Current), Seitenblitze (Side Flash) oder den Stromfluss über metallische Verbindungen (Cooper et al., 2017).

In exponiertem Gelände zählt der Grundsatz „Die Absturzgefahr hat Vorrang“. Überstürzte Entscheidungen oder hektische Klettermanöver führen im alpinen Gelände häufig zu einem größeren Risiko als das Gewitter selbst. Internationale Empfehlungen raten deshalb ausdrücklich dazu, jede Situation individuell abzuwägen und keine zusätzlichen Gefahren durch unkontrolliertes Handeln einzugehen (Davis et al., 2014; ICAR MEDCOM). Gerade Klettersteige stellen eine besondere Herausforderung dar. Das Stahlseil erhöht nach heutigem Kenntnisstand zwar nicht die Wahrscheinlichkeit eines direkten Blitzeinschlags, kann jedoch nach einem Einschlag elektrische Energie über größere Distanzen weiterleiten. Wer sich bereits im Klettersteig befindet, sollte daher Ruhe bewahren und die Route kontrolliert verlassen, sobald dies ohne zusätzliches Absturzrisiko möglich ist. Ein ungesicherter Fluchtversuch ist in den meisten Fällen keine sinnvolle Alternative (Davis et al., 2014).

Auch Höhlen bieten keinen automatischen Schutz. Kleine Felsnischen oder flache Überhänge können durch Seitenblitze und Bodenströme gefährlich sein. Schutz bieten lediglich ausreichend große Höhlen, in denen ein deutlicher Abstand zu Eingang, Wänden und Decke eingehalten werden kann. Ist dies nicht möglich, sollte die Höhle nicht als sicherer Unterstand betrachtet werden (Cooper et al., 2017).

Das sagt die Wissenschaft

❌ Mythos: Metall zieht Blitze an.

Metall zieht Blitze nicht an. Ob ein Blitz einschlägt, hängt vor allem von der elektrischen Feldverteilung, der Höhe eines Objekts und seiner Exposition gegenüber der Gewitterzelle ab. Kleine Metallgegenstände wie Karabiner, Eispickel oder Trekkingstöcke erhöhen die Wahrscheinlichkeit eines direkten Blitzeinschlags nach heutigem Kenntnisstand nicht (Davis et al., 2014; Cooper et al., 2017).

Kommt es jedoch zu einem Einschlag in unmittelbarer Nähe, kann Metall aufgrund seiner guten Leitfähigkeit elektrische Energie weiterleiten oder lokale Kontaktverletzungen verursachen. Deshalb sollte metallische Ausrüstung nicht als Schutz betrachtet werden.

❌ Mythos: Unter einem einzelnen Baum ist man geschützt.

Einzelstehende Bäume gehören zu den gefährlichsten Aufenthaltsorten während eines Gewitters. Sie stellen häufig den höchsten Punkt ihrer unmittelbaren Umgebung dar und werden deshalb bevorzugt getroffen. Selbst wenn der Blitz den Baum trifft, können Seitenblitze (Side Flash) auf Personen überspringen oder Bodenströme schwere Verletzungen verursachen. Ein Abstand von wenigen Metern reicht hierfür bereits aus (Cooper et al., 2017).

Geschlossene Wälder bieten zwar keinen vollständigen Schutz, sind aber deutlich günstiger als einzelne freistehende Bäume oder Waldränder. Befindet man sich im Wald, sollte möglichst ein Bereich mit gleichmäßig hohen Bäumen gewählt und Abstand zu einzelnen herausragenden Stämmen gehalten werden (Davis et al., 2014).

❌ Mythos: Hinlegen ist die sicherste Position.

Diese Empfehlung gilt heute als überholt. Wer sich flach auf den Boden legt, vergrößert die Kontaktfläche mit dem Untergrund. Dadurch steigt das Risiko, dass Bodenströme den Körper durchfließen. Internationale Leitlinien empfehlen stattdessen, den Bodenkontakt möglichst gering zu halten und beide Füße eng nebeneinander zu positionieren (Davis et al., 2014).

❌ Mythos: Blitzopfer stehen unter Strom.

Diese Annahme ist falsch. Elektrische Ladung verbleibt nach einem Blitzschlag nicht im menschlichen Körper. Betroffene können deshalb sofort berührt und versorgt werden. Blitzschläge führen häufig zu Atem- oder Herzstillständen, die bei raschem Eingreifen eine vergleichsweise gute Prognose haben. Eine sofort eingeleitete Wiederbelebung kann deshalb lebensrettend sein (ERC, 2021; Cooper et al., 2017).

❌ Mythos: Erst der Regen macht ein Gewitter gefährlich.

Blitze können mehrere Kilometer vor der eigentlichen Gewitterzelle auftreten. Diese sogenannten Blitze aus heiterem Himmel (Bolts from the Blue) entstehen am Rand großer Gewitterwolken und überraschen Menschen häufig noch bei Sonnenschein. Wer mit Schutzmaßnahmen erst beim Einsetzen des Regens beginnt, reagiert daher oft zu spät (Holle, 2008; Cooper et al., 2017).

LIGHTNING SAFETY POSITION

Kaum eine Empfehlung wird im Zusammenhang mit Gewittern häufiger diskutiert als die sogenannte Lightning Safety Position. Dabei entsteht häufig der Eindruck, diese Körperhaltung könne vor einem Blitzschlag schützen. Das ist jedoch nicht der Fall. Die Lightning Safety Position verhindert weder einen direkten Blitzeinschlag noch einen Seitenblitz. Ihr Ziel besteht ausschließlich darin, die Folgen eines Einschlags in unmittelbarer Nähe möglichst gering zu halten. Sie ist deshalb keine Schutzmaßnahme im eigentlichen Sinn, sondern eine letzte Option, wenn kein sicherer Unterstand mehr erreicht werden kann (Davis et al., 2014).

Der Hintergrund liegt in der Physik eines Blitzeinschlags. Trifft ein Blitz den Boden, breitet sich der elektrische Strom radial über die Erdoberfläche aus. Dadurch entstehen Spannungsunterschiede zwischen verschiedenen Punkten des Bodens. Berühren beide Füße den Boden in größerem Abstand zueinander, kann ein Teil dieses Spannungsunterschieds den Körper durchfließen. Dieses Phänomen wird als Schrittspannung (Step Voltage) bezeichnet und zählt zu den häufigsten Verletzungsmechanismen bei Personen, die sich in der Nähe eines Blitzeinschlags befinden (Cooper et al., 2017). Durch eng zusammenstehende Füße wird der Abstand zwischen den Kontaktpunkten zum Boden möglichst klein gehalten. Gleichzeitig reduziert eine kompakte Körperhaltung die Kontaktfläche mit dem Untergrund. Zwar kann dadurch ein direkter Blitzeinschlag nicht verhindert werden, das Risiko schwerer Verletzungen durch Bodenströme lässt sich jedoch theoretisch reduzieren (Davis et al., 2014).

Die Wilderness Medical Society weist jedoch ausdrücklich darauf hin, dass die wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit dieser Körperhaltung begrenzt ist. Kontrollierte Studien sind aus offensichtlichen ethischen Gründen nicht möglich. Die Empfehlung basiert daher vor allem auf den bekannten physikalischen Mechanismen von Blitzverletzungen und langjähriger Erfahrung aus der Notfallmedizin (Davis et al., 2014).

Empfohlen wird:

  • möglichst tiefes und wenig exponiertes Gelände aufsuchen
  • Abstand zu einzelnen Bäumen, Masten, Drahtseilen und Geländekanten halten
  • wenn möglich auf einem trockenen Rucksack oder einer Isomatte hocken
  • beide Füße eng nebeneinander stellen
  • den Bodenkontakt möglichst gering halten
  • eine kompakte Körperhaltung einnehmen und den Kopf einziehen

Nicht empfohlen wird hingegen, sich flach auf den Boden zu legen. Dadurch vergrößert sich die Kontaktfläche und damit potenziell auch die Einwirkung von Bodenströmen. Ebenso wenig sollte versucht werden, in Panik noch exponierte Passagen zu verlassen, wenn dadurch die Absturzgefahr deutlich steigt (Davis et al., 2014).

WICHTIG: Die Lightning Safety Position ersetzt keinen sicheren Unterstand. Sie stellt lediglich die beste verfügbare Option dar, wenn ein Gewitter nicht mehr rechtzeitig verlassen werden kann.

Lightning safety position

FAZIT

Gewitter gehören zu den am schwierigsten vorherzusagenden Naturgefahren im Gebirge. Moderne Wettermodelle haben die Prognose in den vergangenen Jahren deutlich verbessert, kleinräumige konvektive Gewitter lassen sich jedoch bis heute weder räumlich noch zeitlich exakt vorhersagen (WMO, 2023; ESSL, 2020). Absolute Sicherheit gibt es deshalb nicht. Die wissenschaftliche Literatur zeigt jedoch übereinstimmend, dass das Risiko eines Blitzunfalls vor allem durch Entscheidungen vor dem Gewitter beeinflusst wird. Ein früher Tourenbeginn, ausreichende Zeitreserven, eine kontinuierliche Wetterbeobachtung sowie die Bereitschaft, eine Tour rechtzeitig abzubrechen, reduzieren die Wahrscheinlichkeit, überhaupt in eine kritische Situation zu geraten (Davis et al., 2014; Zafren et al., 2005).

Kommt es dennoch zu einer Gewitterexposition, besteht das Ziel nicht darin, einen „sicheren“ Ort zu finden – denn dieser existiert im freien alpinen Gelände häufig nicht. Stattdessen sollten exponierte Bereiche möglichst verlassen und Maßnahmen ergriffen werden, die das verbleibende Risiko reduzieren. Die Lightning Safety Position, ausreichender Abstand innerhalb der Gruppe sowie das Vermeiden einzelner Bäume, Grate und metallischer Infrastruktur können die Folgen eines Blitzeinschlags in unmittelbarer Nähe verringern, bieten jedoch keinen vollständigen Schutz (Davis et al., 2014; Cooper et al., 2017).

Der tragische Unfall an der Mittagspitze im Sommer 2025 hat eindrücklich gezeigt, dass selbst erfahrene Alpinisten von Gewittern überrascht werden können. Erfahrung schützt nicht automatisch vor Naturgefahren. Sie hilft vielmehr dabei, Warnsignale frühzeitig zu erkennen und konsequent zu handeln. Gerade im alpinen Gelände gehört deshalb auch die frühzeitige Entscheidung zur Umkehr zu den wichtigsten Kompetenzen eines verantwortungsvollen Risikomanagements.

QUELLEN

Atkins, D. (2000). Human Factors in Avalanche Accidents. Proceedings of the International Snow Science Workshop (ISSW), Big Sky, USA.

Cooper, M.A., Holle, R.L., Andrews, C.J. & Blumenthal, R. (2017). Lightning Injuries. In: Auerbach, P.S. (Ed.), Auerbach’s Wilderness Medicine (7th ed.). Elsevier, Philadelphia.

Davis, C., Engeln, A., Johnson, E.L., McIntosh, S.E., Zafren, K. et al. (2014). Wilderness Medical Society Practice Guidelines for the Prevention and Treatment of Lightning Injuries: 2014 Update. Wilderness & Environmental Medicine, 25(4 Suppl.), S86–S95.

Doswell, C.A. (2001). Severe Convective Storms—An Overview. In: Doswell, C.A. (Ed.), Severe Convective Storms. American Meteorological Society.

European Resuscitation Council (ERC). (2021). European Resuscitation Council Guidelines 2021: Cardiac Arrest in Special Circumstances.

European Severe Storms Laboratory (ESSL). (2020). Severe Convective Storms in Europe – Research and Forecasting Resources.

Holle, R.L. (2008). Annual Rates of Lightning Fatalities by Country. Proceedings of the International Lightning Detection Conference.

Houze, R.A. (2014). Cloud Dynamics (2nd ed.). Academic Press.

International Commission for Alpine Rescue (ICAR MEDCOM). (2023). Medical Recommendations for Lightning Safety in Mountain Rescue and Mountaineering.

McCammon, I. (2004). Heuristic Traps in Recreational Avalanche Accidents: Evidence and Implications. Avalanche News, 68, 42–50.

Ströhle, M., et al. (2018). Lightning accidents in the Austrian Alps – A retrospective nationwide analysis. Scandinavian Journal of Trauma, Resuscitation and Emergency Medicine, 26.

World Meteorological Organization (WMO). (2023). Guidelines on Nowcasting and Very Short-Range Forecasting. Geneva: World Meteorological Organization.

World Meteorological Organization (WMO). (2023). Integrated Processing and Prediction of Severe Weather. Geneva: World Meteorological Organization.

Zafren, K., Davis, C., Brugger, H., et al. (2005). Lightning injuries: Prevention and on-site treatment in mountains and remote areas. Resuscitation, 65(3), 369–372.

Artikel geschrieben von

Nico Metz

Vorstand & Fachleiter Schnee

Nico Metz ist Naturwissenschaftler mit Schwerpunkt Naturgefahren und Risikomanagement. Sein vielseitiger Blick auf alpine Sicherheit ist von Ausbildungen als Snowboardlehrer, Pistenrettung und Lawinenkommissionen, sowie jahrelanger Erfahrung als Instruktor geprägt. Als Vorstandsmitglied der Alpine Safety Academy leitet er den Fachbereich Schnee und verantwortet die wissenschaftliche Aufbereitung der Fachbeiträge. Hauptberuflich leitet er seit 2016 die Sportbrillenmarke Delayon Eyewear.

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