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Gewitter am Berg – Was hilft wirklich?
Lesezeit: 8 Minuten
Zielgruppe: Wanderer, Bergsteiger, Alpinisten, Klettersteiggeher
Stand: Sommer 2026
Drei erfahrene Bergsteiger verloren im Sommer 2025 an der Mittagspitze bei Flirsch in Tirol durch einen Blitzschlag ihr Leben. Sie hatten den Wetterumschwung zwar erkannt und den Abstieg bereits angetreten – dennoch reichte die Zeit nicht mehr. Der Unfall machte österreichweit Schlagzeilen und führte erneut vor Augen, dass Blitzschläge eine ernstzunehmende Naturgefahr sind.
In den Tagen danach wurden zahlreiche Verhaltensregeln diskutiert. Manche entsprachen dem aktuellen Stand der Wissenschaft, andere beruhten auf überholten Annahmen oder weit verbreiteten Mythen. Gleichzeitig rückte eine entscheidende Frage in den Hintergrund: Nicht nur das Verhalten während eines Gewitters entscheidet über die Sicherheit, sondern vor allem die Entscheidungen lange davor.
Mit den ersten hochsommerlichen Hitzeperioden kehren auch die Wärmegewitter in die Alpen zurück. Ein guter Anlass, die aktuellen Empfehlungen aus Wissenschaft, Bergrettung und alpiner Sicherheitsforschung zusammenzufassen, verbreitete Mythen einzuordnen und eine zentrale Frage zu beantworten:
Welche Maßnahmen reduzieren das Risiko tatsächlich – und welche Entscheidungen sollten bereits lange vor dem ersten Donner getroffen werden?
Gewitter entstehen schneller als viele glauben
Gewitter gehören zu den am meisten unterschätzten Naturgefahren im alpinen Gelände. Nicht, weil sie selten wären – sondern weil ihre Entwicklung oft unterschätzt wird. An heißen Sommertagen erwärmen sich die Berghänge stark. Die warme Luft steigt auf, kühlt in höheren Luftschichten wieder ab und bildet Quellwolken. Innerhalb kurzer Zeit können daraus mächtige Gewitterzellen entstehen. Die alpine Topografie beschleunigt diese Entwicklung zusätzlich.
Deshalb gehört ein früher Start zu den einfachsten und gleichzeitig wirksamsten Sicherheitsmaßnahmen. Viele erfahrene Bergsteiger planen ihre Tour so, dass Gipfel, Grate oder Klettersteige bereits am Vormittag passiert werden. Nicht, weil Gewitter immer erst am Nachmittag auftreten – sondern weil die Wahrscheinlichkeit mit zunehmender Tageserwärmung deutlich steigt.
Der Wetterbericht ist der Anfang – nicht das Ende der Planung
Ein Blick auf den Wetterbericht gehört heute selbstverständlich zur Tourenvorbereitung. Trotzdem ersetzt keine Prognose die Beobachtung vor Ort. Selbst wenn die Wetterdienste nur eine geringe Gewitterwahrscheinlichkeit meldet, können sich lokal kräftige Wärmegewitter entwickeln. Berge erzeugen ihr eigenes Wetter. Deshalb sollte der Himmel während der gesamten Tour aufmerksam beobachtet werden.
Abb. 1: Quell- und Ambosswolken als typisches Wolkenbild für fortschreitende Gewitterbildung
„Jetzt sind es nur noch zwanzig Minuten.“ Fast jeder kennt diesen Gedanken und genau hier passieren viele Fehlentscheidungen. Je näher das Ziel rückt, desto schwerer fällt es umzudrehen. Warnzeichen werden relativiert. Zeitreserven verschwinden. Die Hoffnung wächst, „es geht sich schon noch aus“. Die meisten schweren Gewitterunfälle entstehen nicht, weil Menschen die Gefahr nicht kennen. Sie entstehen, weil Warnzeichen zu spät ernst genommen werden.
Wenn das Gewitter schneller ist
Nicht jede Situation lässt sich vermeiden. Wer sich bereits auf einem Grat, in einer Kletterroute oder auf einem Klettersteig befindet, kann das Gelände oft nicht sofort verlassen. Dann gilt es, das Risiko möglichst klein zu halten und besonders riskante Bereiche nach Möglichkeit zu meiden
- Gipfel und Grate
- Klettersteige und Drahtseile
- einzelne Bäume
- Liftstützen
- Wasserläufe
- offene Schneefelder
- exponierte Geländekanten
Ziel ist es, möglichst rasch tieferes und weniger exponiertes Gelände zu erreichen – allerdings ohne hektische Entscheidungen zu treffen, die das Absturzrisiko erhöhen. Gerade auf Klettersteigen gilt ein wichtiger Grundsatz: Panik ist oft gefährlicher als das Gewitter selbst. Wer sich bereits in schwierigem Gelände befindet, sollte kontrolliert weiter handeln und sich nicht durch unüberlegte Manöver zusätzlich gefährden.
Die Lightning Position
Eine Empfehlung, die im deutschsprachigen Raum erstaunlich wenig bekannt ist, ist die sogenannte Lightning Safety Position. Diese schützt nicht vor einem direkten Blitzschlag, reduziert aber die Auswirkungen eines Einschlags in unmittelbarer Nähe.
Empfohlen wird:
- möglichst tiefes Gelände aufsuchen
- Abstand zu einzelnen Bäumen, Masten und Felsvorsprüngen halten
- auf einem Rucksack oder einem trockenen Seil sitzen
- Füße eng zusammenstellen
- möglichst wenig Bodenkontakt herstellen und auf Rucksack setzen oder hocken
- den Kopf einziehen
Der Hintergrund ist die sogenannte Schrittspannung. Schlägt ein Blitz in der Nähe ein, breitet sich der Strom über den Boden aus. Je größer der Abstand zwischen den Kontaktpunkten des Körpers ist, desto größer kann die Spannung sein, die den Körper durchfließt. Deshalb gilt:
So klein wie möglich machen. Füße zusammen. Bodenkontakt minimieren.

Abstand rettet Leben
Bei Gefahr rücken Menschen instinktiv zusammen. Bei Gewitter sollte genau das Gegenteil passieren. Mehrere Meter Abstand zwischen den Gruppenmitgliedern reduzieren das Risiko, dass mehrere Personen gleichzeitig betroffen sind. Gleichzeitig bleibt Hilfe möglich, falls eine Person getroffen wird.
Fazit
Die meisten Empfehlungen beschäftigen sich mit dem richtigen Verhalten während eines Gewitters. Den größten Sicherheitsgewinn bringt jedoch eine gute Entscheidung lange davor: eine an den Wetterbericht angepasste Tourenplanung. Ein früher Aufbruch, ein kritischer Blick zum Himmel und die Bereitschaft, eine Tour rechtzeitig abzubrechen, sind die wirksamsten Maßnahmen, um gar nicht erst in eine gefährliche Situation zu geraten.
Blitzschläge gehören zu den seltenen, aber besonders eindrücklichen Naturgefahren im Bergsport. Nicht, weil sie häufig tödlich enden, sondern weil sie innerhalb weniger Sekunden aus einer normalen Tour einen lebensbedrohlichen Notfall machen können. Gleichzeitig gehören sie zu den wenigen alpinen Risiken, die sich mit guter Planung und einem bewussten Risikomanagement häufig vermeiden lassen.
Der tragische Unfall an der Mittagspitze im Sommer 2025 hat eindrücklich gezeigt, dass selbst Erfahrung keinen vollständigen Schutz vor Naturgefahren bietet. Erfahrung zeigt sich deshalb nicht darin, jedes Risiko zu beherrschen, sondern darin, die richtigen Entscheidungen frühzeitig zu treffen.
Weiterführende Literatur
- Davis, C. et al. (2014): Wilderness Medical Society Practice Guidelines for the Prevention and Treatment of Lightning Injuries: 2014 Update. Wilderness & Environmental Medicine, 25(Suppl. 4), S86–S95.
- Zafren, K. et al. (2005): Lightning injuries: Prevention and on-site treatment in mountains and remote areas. Resuscitation, 65(3), 369–372.
- Ströhle, M. et al. (2018): Lightning accidents in the Austrian Alps – a 10-year retrospective nationwide analysis. Scandinavian Journal of Trauma, Resuscitation and Emergency Medicine, 26(74).
- Österreichisches Kuratorium für Alpine Sicherheit – Verhalten bei Gewitter
- Österreichisches Kuratorium für Alpine Sicherheit – Empfehlungen
